Deutschlandtour – Tag 10 – 87,3 km – Fulda -> Gemünden am Main

Montag, 12.09.2016:

Heute ging der Wecker schon vor 7 Uhr, weil ich auf jeden Fall zuhause anrufen wollte, um meiner Jüngsten zum 7. Geburtstag zu gratulieren. Eine Glückwunschkarte sowie ein kleines Geschenk hatte ich schon letzte Woche in Minden besorgt und so früh abgeschickt, dass die Sachen auf jeden Fall rechtzeitig vor dem Geburtstag ankommen. Sie hat sich wohl auch sehr darüber gefreut. 🙂
Es ging halt leider nicht anders, als im September zu fahren und damit in Kauf zu nehmen, dass ich an Sophies Geburtstag nicht da bin. Daher musste ich mich schon ein bisschen anstrengen, um das wieder gut zu machen. 😉

Heute gab’s bzgl. der Tagesverpflegung was Neues. Normalerweise hole ich mir ja belegte Brötchen beim Bäcker, aber ich habe ja in der Jugendherberge übernachtet und da gehört das Frühstück mit zum Preis dazu. Das kann man auch nicht rausbuchen. Also bin ich heute am Montagmorgen in den (fast leeren) Frühstücksaal gegangen und habe mir die üblichen zwei Brötchen geschmiert und eingepackt. Vermutlich darf man eigentlich nichts mitnehmen, aber ob ich zwei Brötchen dort esse oder nichts esse, aber zwei Brötchen geschmiert mitnehme, macht für die ja keinen Unterschied. Immerhin habe ich allerdings noch eine Banane direkt vor Ort gegessen und zwei Tassen O-Saft dazu getrunken. Eine gekühlte Cola – auch, um die Brötchen frisch zu halten – konnte ich dort auch kaufen. Prima, damit bin ich für die nächsten Stunden versorgt.

Mein Zimmer lag im ersten Stock ganz am Ende eines langen Flures, obwohl ich sicher bin, dass auch deutlich nähere Zimmer frei gewesen wären, aber egal. So habe ich meine ganzen Sachen halt wieder den ganzen Weg zurück zum Eingang geschleppt. Diesbezüglich ist Campen doch irgendwie praktischer, denn man kann ohne Schlepperei das Rad direkt neben dem Zelt beladen. Bei Regen notfalls sogar im Zelt.

p1000790Dann gab es natürlich noch das unvermeidliche Gespräch mit dem Chef des Hauses wg. des Brandlochs im Tisch. Der Tisch habe 600,- € gekostet (Anm. Stefan: Allerdings hat der auch schon eine Menge anderer Löcher, wenn auch kleinere.), aber er könne das vermutlich reparieren lassen, so dass es vielleicht nur um die 50,- € kosten würde. Er würde sich dann melden. OK, meine Kontaktdaten hat er ja. Mal sehen, wann er sich meldet und was er dann genau will. Notfalls muss ich halt die Versicherung einschalten. Wird schon werden…

Dann wollte ich mein Rad aus der Fahrradgarage holen. Dort hatte ich das Rad sicherheitshalber mit zwei Schlössern gesichert. Schloss 1 ist ein recht stabiles Faltschloss mit Schlüssel. Kein Problem; Schlüssel ist da. Schloss 2 ist ein einfaches dünnes Kabelschloss mit Einzugsautomatik und Zahlenschloss, wie es das vor einiger Zeit mal bei Aldi gab. Ich weiß, dass das Schloss nicht besonders sicher ist, aber es soll auch eher einen abschreckenden Charakter für Gelegenheitsdiebe haben, wenn ich den Schlüssel für das andere Schloss nicht zur Hand habe, denn das Zahlenschloss kriege ich ja immer auf, denn die Zahlenkombination habe ich mir gut gemerkt (und außerdem noch in meinem Passwort-Manager KeePass hinterlegt). Eine sichere Sache also… dachte ich… aber heute Morgen ließ sich das Zahlenschloss nicht mehr öffnen, obwohl ich ganz sicher – mehrfach kontrolliert – die übliche Kombination verwendet habe. Vielleicht hat sich unbemerkt die Kombination verstellt? Keine Ahnung, jedenfalls ging das Sch**ss-Ding nicht mehr auf. 🙁 Hier zahlte es sich jetzt aus, dass das Sicherheitsniveau des Schlosses nicht besonders hoch ist, denn ich konnte die Stränge des verzwirbelten Kabels einzeln mit einer Kneifzange, die ich zum Glück in meinem Werkzeugfundus mitführe, durchtrennen. Ich habe also heute Morgen mein eigenes Rad geknackt. Oh, Mann! – Übrigens stand die Kneifzange schon fast auf meiner Streichliste, weil das Multitool auch eine Kneiffunktion in der Zange integriert hat, aber damit kann man bei weitem nicht so gezielt arbeiten wie mit einer richtigen Kneifzange. Jetzt bin ich sehr froh, dass ich sie doch mitgenommen habe. So musste ich wenigstens niemand von der Jugendherberge bitten, mir Werkzeug zum Knacken eines Fahrradschlosses zu leihen. Das hätte nur unnötige Fragen aufgeworfen. 😉 Wo ich schon den “guten” Tisch beschädigt hatte …

Nun ja, das alles hat natürlich mal wieder ziemlich gedauert, so dass es erst um 9:45 Uhr los ging. Frühstück gab es dann während der Fahrt, ungefähr eine Stunde nach Abfahrt gegen 10:45 Uhr.

p1000805Eine halbe Stunde später nehme ich in Schmalnau Abschied von der Fulda und dem Fuldaradweg R1, denn der D9 verläuft jetzt auf dem R2 durchs Tal der Sinn. Macht Sinn, oder? (Sorry, aber DAS Wortspiel musste jetzt sein!)

In meinen Unterlagen hatte ich schon notiert, dass heute über viele Kilometer mit Steigungen zu rechnen ist und so war es dann auch. Gestartet bin ich bei der Jugendherberge von 304 m über NN, dann ging’s erst mal wieder runter zur Fulda, welche im Süden der Stadt Fulda (echt verwirrend, wenn Stadt und Fluss gleich heißen) auf 285 m ü. NN liegt. An der Fulda ist noch alles recht gut, aber ich bog ja recht bald ab und da fingen die z. T. recht knackigen Steigungen dann an. Um 12:45 erreichte ich die Schnapszahlhöhe von 444 Metern über NN, aber ich hatte wieder nichts Alkoholisches zu Trinken da, also einfach weiterfahren.

Der Höhepunkt nach langem Aufstieg war bei 502 m ü. NN nach 34,9 km um 13:38 Uhr erreicht.

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Ausblick vom höchsten Punkt der heutigen Etappe auf 502 m über NN.

Danach ging es erst mal steil abwärts (coole Schussfahrt!), so dass ich um 14:10 Uhr wieder auf 289 m war, also der Höhe, auf der ich in Fulda an der Fulda gestartet bin. Ergo: Alles völlig “unnötige” Berge. 😉 Natürlich gab es nicht nur den einen großen Anstieg, sondern es gab immer wieder ordentliche Steigungen, dann wieder Abfahrten usw. Aber da ich damit gerechnet hatte, war alles halb so schlimm. Alles eine Frage der Einstellung! – Übrigens, der heutige Campingplatz (in Gemünden am Main) liegt sogar nur noch auf 159 m ü. NN, ich bin also heute sehr viele Höhenmeter raufgefahren, aber immerhin etwas über 100 Höhenmeter weiter runter. Ist ja schon mal was. Im Gegensatz zu den meisten anderen Flüssen, denen ich so im Laufe der Tour folge, durfte ich nämlich ausnahmsweise mal die Sinn hinunter fahren. Normalerweise fahre ich die Flüsse ja rauf, wodurch sich zwangsläufig eine Gesamtsteigung ergibt.

Nach einer kurzen Rast in Zeitlofs, wo ich tatsächlich einen geöffneten Bäcker direkt an der Route sah, was heute sonst kaum/nicht vorgekommen ist, fiel mein Blick auf ein Schild, das auf die “Röhn-Apotheke” hinwies. Da wurde mir nochmal klar, dass ich ja gerade in der Röhn unterwegs bin. Röhnräder habe ich aber keine gesehen. Nun ja, jedenfalls hat mich das zu einem spontanen kurzen Gedicht animiert:

Die Röhn (aus Sicht eines Radreisenden)

Die Röhn
ist sehr schön,
aber ich gewöhn’
mich nur schwer an die Höh’n.

(von Stefan Leupers, 12.09.2016)

Genial, oder? – Hat Goethe eigentlich jemals ein Röhn-Gedicht verfasst? 😉

Die Strecke heute war übrigens angenehm ruhig. Während es auf dem Weserradweg von anderen Radlern nur so wimmelte, so dass man kaum aus dem Grüßen rauskam, war es auf dem Fuldaradweg schon etwas ruhiger, aber immer noch recht viel los. Wobei ich sagen muss, dass es um die große Stadt Kassel besonders schlimm war, denn da nutzten abends unglaublich viele Rennradfahrer und einige Mountainbiker den Fuldaradweg als Rennstrecke. Nicht schön, wenn man so gemütlich mit viel Gepäck unterwegs ist. Auf dem R2 im Sinntal schließlich sind mir kaum noch Radler begegnet. Klar, mit den ganzen Steigungen ist das ja auch nicht jedermanns Sache, und deutlich abgelegener und ländlicher ist es auch. Es ist z. T. sogar so wild, dass es nicht mal geeignete Feld- oder sonstige Radwege gibt. Größere Teile die Berge rauf und runter mussten daher auf der Straße gefahren werden, aber ich bin mit leuchtend gelbes Taschen und – auch bei Tag – immer vorne und hinten mit Licht fahrend, sehr gut zu sehen, so dass es keine echten Probleme mit Autos gab. Nur zwei-/dreimal mussten hinter mir Autos oder auch mal ein LKW voll in die Eisen steigen, weil sie eigentlich Schwung hatten zum Überholen, dann aber wegen Gegenverkehr kurzfristig doch nicht konnten. Da brauchte ich manchmal schon gute Nerven, aber ich habe die herannahenden Autos und LKWs immer ganz gut in den beiden Spiegeln beobachten können und hätte – wenn es brenzlig geworden wäre – zumindest noch versuchen können auszuweichen. War aber nie richtig nötig. Nur als ein großer LKW dicht hinter mir die Bremsung hinlegte, habe ich doch mal nach rechts rüber gezuckt. Sicher ist sicher. 😉

In den Vorgärten entdeckt man übrigens immer mal wieder liebevolle Accessoires. Mein persönliches Highlight heute war das Blumen-Dreirad. Tolle Konstruktion!

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Wetter: Gestern war es ja schon warm, aber heute wieder volle Sonne und dazu noch die Steigungen. Daher war schon um 16:15 Uhr und nach nur 63,5 km der erste 3 Liter Trinkbeutel leer und musste gewechselt werden. So brauchte ich also erstmalig die Reserve auf der Tagesetappe.

Um kurz nach 18 Uhr erreichte ich den Campingplatz Gemünden am Main, welcher allerdings nicht am Main liegt, sondern an der nur wenig später in den Main mündenden Fränkischen Saale. Genau genommen liegt der Campingplatz (und das angrenzende Freibad) auf einer Saaleinsel gegenüber der Stelle, wo die Sinn in die Saale mündet. Der Campingplatz ist übrigens prima. Mit 11 € für 1 Person mit Zelt zwar keiner von den ganz günstigen, aber unbegrenzt Duschen ist dafür schon im Preis inbegriffen. Die machen hier also die Unsitte, für jedes Duschen 50 Cent (oder so) extra zu verlangen und die Duschzeit auf 3, 5 oder 7 Minuten zu begrenzen zum Glück NICHT mit. Duschen soll zwar in erster Linie sauber machen, ist für mich aber nach einem langen verschwitzten Tag auf dem Rad auch ein bisschen Entspannung, aber man kann sich nicht entspannen, wenn die Uhr läuft und man jederzeit damit rechnen muss, dass das Wasser unwiderruflich stoppt oder zumindest kalt wird. Auch, wenn 5 Minuten eigentlich ausreichend sind, um sauber zu werden, erzeugt allein der Gedanke an die Zeitbegrenzung bei mir Stress und das ist das Gegenteil von Entspannung. Daher kann ich diesen Campingplatz nur wärmstens empfehlen. Die haben sogar einen großen Waschraum mit mehreren Waschmaschinen und vielen Wäscheständern, so dass man seine Sachen prima im Sanitärhaus trocken lassen kann. War bei mir nicht nötig, weil ich das ja gestern schon in der Jugendherberge erledigen konnte, aber so eine Ausstattung hier ist echt klasse; insbesondere für Radreisende. Wenn ich gewollte hätte, hätte ich sogar noch kostenlos ins angrenzende Freibad gehen dürfen, aber dafür war es mir schon zu spät. Und sie haben auch ein einfaches Restaurant im Haus mit drin. Das habe ich heute mal genutzt, weil meine Vorräte über das Wochenende aufgebraucht wurden und ich heute auf der Route keinen Supermarkt an der Strecke gefunden habe. Da ich mich heute Abend nicht nur von Bifi Roll und Butterkeksen ernähren wollte (Notration), habe ich mir eine Currywurst mit Pommes gegönnt und dazu zwei Radler, weil ich ja tagsüber keins bekommen habe, denn Tankstellen mit Shop gab es auf der Strecke ebenso wenig. => Dicke Empfehlung für diesen Campingplatz.

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Letzer Blick auf die Fulda.

Das war jedenfalls mal wieder ein sehr erfolgreicher Tag. Die Fulda hinter mir gelassen (siehe Foto), die ersten richtigen Bergetappen relativ problemlos bewältigt, d.h. keine körperlichen Probleme damit, nur die Geschwindigkeit ist dann halt niedrig, das Sinntal durchfahren und den Main erreicht (naja, fast). Auf der Fahrt gar nicht bemerkt, aber ich habe nach Schleswig-Holstein, Niedersachen, (kurz) Nordrhein-Westfalen und Hessen nun das fünfte und letzte Bundesland meiner Nord-Süd-Deutschlandtour erreicht, nämlich Bayern. (Nachtrag: Stimmt gar nicht, es wird auch noch kurze Abstecher nach Baden-Württemberg geben. Somit durchfahre ich sogar sechs Bundesländer!) Der Gesamtkilometerstand liegt jetzt schon bei 901 km. Somit habe ich schon knapp 2/3 der Strecke absolviert! Wow, ich fand, das ging ziemlich schnell. Für mich ist die Zeit jedenfalls gerast, denn die Tage sind so vollgepackt, dass keinerlei Zeit für Langeweile bleibt. Immer ist man beim Abbauen/Einpacken, beim Fahren auf dem Rad, beim Aufbauen/Auspacken, bei der nötigen Körperpflege, beim Essen, Bloggen und schließlich Schlafen. Und jeder Tag ist so voll mit Eindrücken und neuen Erfahrungen, dass es im Rückblick schwerfällt, das alles sortiert zu bekommen. Außerdem ist es eine interessante Erfahrung, wenn man morgens noch nicht weiß, wann und wo man was zum Essen findet und wo man abends schlafen wird. Natürlich habe ich morgens einen groben Plan im Kopf, wo ich mindestens und idealerweise hin möchte, aber aufgrund äußerer Einflüsse klappt das eben oft so nicht. Da muss ich meine selbstgemachte Etappen-Liste mit potentiellen Unterkünften wälzen und überschlagen, was ich schaffen könnte. Die ursprüngliche Idee, einfach bis 16 oder 17 Uhr zu fahren und dann den nächstbesten Campingplatz zu nehmen, scheitert schon allein daran, dass es immer wieder auch Etappen gibt, da kommt für 50 km kein einziger Campingplatz. 50 km sind aber gut 4 Stunden Fahrt. Viel später als 18 Uhr sollte man aber nicht am Campingplatz ankommen, wenn man das Zelt aufbauen und Essen kochen noch im Hellen machen möchte. Die Duschen finde ich dann auch im Dunkeln. Das ist das geringere Problem.

Und wie üblich noch der Track, wobei die Karte gut zeigt, dass auf der ganzen Strecke an der Sinn zwischen Fulda und Gemünden keine größeren Orte sind:

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PS: Da mein Notebook einfach nicht mehr richtig online gehen will, habe ich jetzt mal versucht, die auf dem Notebook erstellten bzw. erarbeiteten Artikel und Bilder per Bluetooth vom Notebook auf das Smartphone und von da dann in den Blog hochzuladen. Ist zwar ein bisschen lästiger, aber WordPress kriegt die Artikelbearbeitung  auf dem kleinen Handy-Display erstaunlich gut hin. Bravo. – Somit sind jetzt alle bisherigen Tage veröffentlicht. – Seht mir gelegentliche Tipp- und Satzstellungsfehler bitte nach. Es wurde manchmal spät. [Tina: Die Korrektur wird meine liebe Frau übernehmen, sobald sie die Blogeinträge findet. ;-)]

Stefan Leupers ist verheiratet und hat zwei Töchter. Seinen ersten Computer bekam er 1984. Er studierte Diplom-Informatik an der RWTH Aachen und beschäftigt sich jetzt schon seit über 20 Jahren mit Linux. Zu seinen Interessentgebieten zählen seit dem Studium Kommunikationssysteme sowie seit 2013 auch Heimautomation; insbesondere FHEM. Seit 2016 fährt er leidenschaftlich gerne auf seinem Liegedreirad.

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