Der Vennbahnweg geht von Aachen (Deutschland) durchs Hohe Venn (Belgien) bis nach Troisvierges (Luxemburg) und ist nach offiziellen Angaben 125 km lang. Hinzu kommen bei mir noch knapp 20 km für die Anfahrt von zuhause in Baesweiler bis zum Startbahnhof in Aachen Rothe Erde. Laut meiner Planung wären das dann knapp 145 km für eine Strecke, was also ganz gut an einem Tag machbar sein sollte, denn schließlich bin ich im letzten Jahr schon mal 149 km rund um die Tagebaue Inden, Hambach und Garzweiler gefahren.

Man soll wohl mit der Bahn auch wieder ganz gut von Troisvierges nach Aachen zurückkommen können, aber mein Liegedreirad ist für Bahnfahrten leider etwas unhandlich; vollbeladen erst recht. Bei normalen Zweirädern wäre das aber sicher eine interessante Möglichkeit.

Schon im letzen Jahr hatte ich mal darüber nachgedacht als Trainingsfahrt für die große Deutschland-Tour den Vennbahnweg zu fahren, aber die Bahnreise mit Liegerad hatte mich dann doch etwas abgeschreckt und außerdem fehlte letztlich auch die Zeit.

Aber jetzt habe ich die optimale Lösung für das Bahnproblem gefunden. Ich fahre einfach an einem Tag hin, übernachte im Zelt auf dem Campingplatz in Troisvierge und fahre am nächsten Tag die gleiche Strecke zurück. Keine Bahnnutzung, kein Problem.

Das lange Wochenende bot sich an. Donnerstag in Ruhe alles vorbereiten, Freitag dann den Vennbahnweg rauf, Samstag wieder runter und Sonntag ausruhen. 🙂

Donnerstag, 15. Juni 2017

Zunächst musste das Rad noch ein bisschen auf Vordermann gebracht werden, da in letzter Zeit der höchste Gang hinten nur noch mit Glück reinging. Außerdem hatte sich im Schaltwerk ohnehin eine Menge Dreck angesammelt, den ich mit einer alten Zahnbürste und etwas Kettenreiniger ganz gut entfernen konnte. Anschließend die Kette neu schmieren, etwas WD40 an Schalt- und Bremszüge und Reifendruck checken. Fertig.

Dann wurde eine abgespeckte Packliste erstellt, da ich ja nur für eine Nacht und alleine unterwegs sein würde. Zu meiner großen Freude passte so alles in die beiden großen 35 l Packtaschen sowie in den Liegeradrucksack, den ich für die Dinge verwende, die ich tagsüber evtl. benötigen könnte (etwas Verpflegung, Regensachen, Werkzeug, Ersatzakkus etc.). In den Packtaschen hatte ich im Wesentlichen auf der einen Seite den Schlafsack und das Zelt (inkl. meiner “Fahrradgarage”, also dem Vorzelt) und in der anderen die Isomatte, frische Klamotten, Kulturbeutel und ein paar andere Kleinigkeiten. In den Außentaschen dazu auf der einen Seite die kleine Kühltasche (mit kalten Getränken sowie 4 geschmierten Broten als Tagesverpflegung) und auf der anderen Seite die Brennspiritusflasche und das Kochset. Diesmal habe ich allerdings nicht das große Trangia-Set eingepackt, sondern nur den Trangia-Brenner mit leichtgewichtigen Aufsteck-Kreuz und dem Falt-Windschutz sowie einem kleinen 750 ml Topf, Besteck, Feuerzeug, Feuerstein usw.

Bei meiner langen Deutschlandtour und auch bei einer 3-Tagestour neulich mit den Kindern hatte ich notgedrungen deutlich mehr Gepäck dabei. So aber konnte ich diesmal die drei wasserdichten Packsäcke, die sich normalerweise noch zwischen Außentaschen/Gepäckträger sowie Liegeradrucksack befinden, zuhause lassen. Dadurch war der Schwerpunkt des Gepäcks deutlich niedriger und das Trike fuhr sich fast wie ohne Gepäck. Allerdings hatte ich so auch nur 23 kg Zuladung im Gegensatz zu hochbeladenen fast 50 kg bei der Deutschlandtour.

Das Rad wurde – bis auf die gekühlten Getränke, die Brote und die beiden obligatorischen 3-Liter-Wasserbeutel mit Trinkschlauch – bereits am Abend fertig gepackt, so dass ich am nächsten Morgen schnell loskonnte.

Freitag, 16. Juni 2017

Der Wecker stand auf 6 Uhr. Dann schnell duschen, anziehen und die letzten Sachen packen. Abfahrt gegen 7:10 Uhr.

Zunächst ging es auf der üblichen Route zu meiner Arbeitsstelle in Aachen-Haaren, von dort aus weiter in die Stadt rein bis zum Bahnhof “Aachen – Rothe Erde”, wo damals die Vennbahn abzweigte. Zwar ist der Vennbahnweg ab Aachen Hauptbahnhof ausgeschildert, aber von dort wollte ich nicht starten, da es a) ca. 4 km Umweg bedeutet hätte und b) ich dafür noch weiter in die Stadt hätte reinfahren müssen. Da Aachen leider recht radfahr-feindlich ist, hätte das keinen großen Spaß gemacht. Zwar gibt es in Aachen hier und da ein paar Radwege oder zumindest sog. Radschutzstreifen auf der Straße, aber das meiste ist leider Flickwerk, da offensichtlich im Rat der Stadt das Konzept und vor allem der Wille zu konsequenter Fahrradfreundlichkeit fehlen. Hier sollte man sich deutlich mehr bei unseren direkten Nachbarn in den Niederlanden oder an Städten wie Kopenhagen (Dänemark) orientieren! Die machen nämlich wunderbar vor, wie man den Radverkehr sicher gestalten kann und so auch mehr Bürger vom Auto aufs Rad lockt. Aber lassen wir das, bevor ich mich noch mehr aufrege…

Nach dem obligatorischen Startfoto am Beginn des Vennbahnwegs am Bhf. Rothe Erde ging es dann nach 20 km Anfahrt um 8:38 Uhr so richtig los.

In der Stadt war es natürlich noch nicht so schön, aber sehr bald schon wurde die Strecke deutlich grüner, und manchmal sah man sogar noch die alten Schienen neben der Strecke.

Auf und neben der Strecke gibt es so Manches zu entdecken; z. B. viele Tiere. Gesehen habe ich u.a. zwei große Hasen, zwei Eichhörnchen, eine kleine Maus, ein Rehkitz (allerdings im Gehege) und natürlich viele Vögel, Hunde, Katzen und unzählige Kühe. – In Luxemburg habe ich dann schließlich sogar eine künstlerisch begabte Schnecke entdeckt, die interessante Muster auf den Asphalt gezaubert hat:

Auch Geschichtliches gibt es zu Entdecken, nämlich direkt neben den Bahngleisen Überreste der Panzersperren des Westwalls aus dem 2. Weltkrieg.

Auch die Flora (Pflanzenwelt) ist interessant: Entlang der Strecke sah ich nämlich des Öfteren den wunderschönen Roten Fingerhut.
Aber ACHTUNG, die Pflanze sieht zwar toll aus, ist aber giftig. Daher nur Anschauen; Kinder und Tiere fernhalten!

Im hinteren Streckenabschnitt (noch in Belgien) gibt ein paar Wälder, wo die Bäume in Perfektion in Reih und Glied stehen. Einerseits beeindruckt die Symmetrie, aber andererseits hat das mit “wilder” Natur natürlich nicht mehr viel zu tun… aber auch in Deutschland ist natürlich der überwiegende Teil des Waldes bewirtschaftet.

Laubbäume dagegen kuscheln sich meist nicht so nah aneinander wie diese Nadelbäume oben. Schon klar, dass auch einem Baum da schon mal kalt werden kann. Aber nette Anwohner hatten wohl Mitleid und haben dem Baum einen Pullover gestrickt. Schickes Muster.

Die lange, lange Steigung (über 30 km) von Rothe Erde bis rauf nach Lammersdorf ist gut geteert und rollt daher super. Oben angekommen kommen ein paar Kilometer Schotter (so ungefähr von Lammersdorf bis Konzen), aber der Unterboden ist topfeben und sehr gut verdichtet, so dass man trotzdem noch gut vorankommt.

Sehr bald ändert sich der Untergrund jedoch auch schon wieder in Teer; wie ja auch der Großteil der Strecke gut geteert ist.

Begeistert bin ich von der belgischen Art, Kreuzungen des Vennbahnweges mit anderen Wegen und Straßen abzusichern! – Der vorfahrtsberechtigte Querverkehr wird durch eine vollflächige rote Markierung auf die Gefahrenstelle hingewiesen. Die Radfahrer werden durch grün markierte Bahnen auf die Kreuzung hingewiesen, und die roten Drängelgitter sind – im Gegensatz zu den üblichen deutschen Modellen – so breit, dass man auch mit einem Trike oder Fahrrad mit Kinderanhänger problemlos durchkommt ohne hängen zu bleiben. Optimal!

Und noch ein Beispiel von einer der zum Glück seltenen Überquerungen einer stärker befahrenen Straße. Wieder ist die Straße komplett rot gefärbt, um Autofahrer auf die Gefahrenstelle hinzuweisen, und auch die Radfahrer werden gut aufmerksam gemacht und gebremst:

Ein Highlight der Strecke sind natürlich immer wieder die Bahnhöfe; besonders wenn – wie hier in Sourbrodt (oder vorher auch schon in Walheim) – noch Signalanlagen und alte Waggons oder gar Lokomotiven stehen bleiben durften.

Zwischendurch kann man übrigens auch Fernsehen. 3D und Auswahl der Sprache (FR, NL, DE) inklusive. Wie viel Zoll Diagonale hat das Teil eigentlich? Auf jeden Fall ein Super-Breitbild-Format. 😉

Eine sehr schöne Stelle ist auch die Anfahrt auf Born (Belgien) mit seinem Viadukt, welches die Dorfkirche so wunderbar einrahmt.

Als ich Born erreichte, war es längst mal wieder Zeit, eine kleine Essenspause zu machen, um den Körper rechtzeitig mit Energie zu versorgen. Auf meiner Deutschland-Tour im letzten Jahr hatte ich ja schnell lernen müssen, dass mein Körper unleidlich werden und für schlechte Laune sorgen kann, wenn er auf anstrengenden Touren nicht spätestens alle 3 Stunden Energie-Nachschub bekommt. Daher hatte ich mir vorgenommen, rechtzeitig alle 2,5 Stunden mindestens ein Brot einzuwerfen, um dem vorzubeugen. Ich hatte mir dazu 4 Brote geschmiert und zusätzlich noch ein paar Butterkekse und was von Haribo eingesteckt. Allerdings gab es vor Born schon eine Zeit lang keinen Rastplatz, so dass ich am Ortsausgang von Born einfach auf dem Seitenstreifen Pause gemacht und gegessen habe. Schließlich ist es auf meinem Liegedreirad mindestens genauso bequem wie auf irgendeiner Bank; wenn nicht sogar bequemer. 😉
Allerdings war ich dann doch etwas enttäuscht, als ich nur wenige hundert Meter nach meiner Pause diesen tollen Rastplatz sah. Schade, jetzt hatte ich meine Pause schon gemacht und musste mir den Test der Liegen leider untersagen, da ich ja noch einige Kilometer vor mir hatte. Pech.

Vorschlag für die Macher solcher Radwege:
Sehr hilfreich wäre es, wenn es – wie auf Autobahnen für Raststätten und Tankstellen üblich – Hinweisschilder an Rastplätzen gäbe, wie weit es noch bis zum nächsten Rastplatz ist. Dann kann man sich besser entscheiden, ob man noch etwas weiterfahren möchte und lieber kurzfristig Pause machen sollte.

Und nun ein kleines Quiz: Welche Zahl ist doppelt?

Diese Schilder gibt es entlang der ganzen Strecke immer wieder, so dass man in Notfällen Rettungskräfte recht gezielt anfordern kann. Super Sache, aber habe ich zum Glück nicht gebraucht.

Nochmal zurück zur Strecke: Die ersten gut 90 km Vennbahnweg bis St. Vith liefen prima. Die Strecke war – bis auf die kleine Ausnahme hinter Lammersdorf – immer gut geteert und man fuhr immer auf der Vennbahntrasse. Die letzen 34 km waren zwar landschaftlich weiter grandios, aber die Strecke fand ich gar nicht mehr so toll, denn man fuhr nun öfters mal abseits der Vennbahntrasse mit z. T. echt heftigen 10%igen Anstiegen und Gefällen oder man fuhr auf der Trasse, aber von Teer keine Spur mehr. Neben vergleichsweise lockerem Schotter gab es sogar lange Abschnitte mit nur zwei Fahrspuren und Grasstreifen in der Mitte, was für Trikes leider sehr unangenehm ist, weil es massiv bremst, wenn man mit zwei von drei Rädern durchs Gras fahren muss; noch dazu bergauf. *stöhn*

Nun ja, ich habe auch das überstanden und konnte nach einem weiteren steilen Anstieg kurz vor dem Schluss den Panoramablick auf den Bahnhof meines Zieles Troisvierges genießen:

Dann noch schnell den Berg hinunterrollen und ein schönes Zielfoto machen. Die Vennbahn fährt hier zwar nicht mehr, aber andere Bahnen sehr wohl, wie man sieht.

Danach ging es noch ein letztes Mal bergauf, nämlich die Hauptstraße von Troisvierges hinauf, um dann aber bald schon zum Campingplatz abzubiegen, wo ich schließlich um 18:45 Uhr, d.h. nach 11:35 h Bruttofahrzeit angekommen bin. Das ergibt laut meinem Garmin einen Gesamtschnitt von 12,5 km/h, d.h. inkl. aller Pausen-/Standzeiten von nur 1:08 h. Betrachtet man nur die Fahrzeiten (ohne Pausen) lag der Schnitt bei 13,9 km/h. – Laut meiner Routenplanung mit gpsies.com, womit ich alle meine Routen plane, beträgt die absolute Höhendifferenz von Start bis Ziel 431 m, wobei der Gesamtanstieg 1.578 Höhenmetern beträgt (mit 1.286 hm Gesamtabstieg). In Anbetracht der Anstiege und der am Ende teilweise schlechten Wegstrecke ist der Gesamtschnitt für mich völlig OK.

Und hier das Höhenprofil aus meinem GPS-Track:

Gestartet bin ich zuhause bei 136 Höhenmetern, der höchste Punkt liegt bei 564 Metern ü. NN., aber wie man sieht, begibt man sich mehrfach auf das Niveau von um die 550 hm, wobei dazwischen leider Täler mit 100 bis 200 Höhenmetern weniger liegen.

Auf dem Campingplatz wurde ich freundlich (und auf Deutsch) empfangen. Die Übernachtung im Zelt hat 11,70 € gekostet und zwar inkl. unbegrenzt warm duschen :-D. Auf der Zeltwiese stieß ich dann schnell auf ein nettes, junges Pärchen, dass ich im Verlauf der Tour schon mindestens dreimal gesehen hatte, denn sie haben wohl öfter Pausen als ich gemacht, waren aber auf ihren normalen Zweirädern auch etwas schneller als ich und haben mich daher immer wieder überholen können. Als ich eintraf, hatten sie immerhin schon ihr Zelt aufgebaut und ein kühles Getränk in der Hand. Wir haben uns dann noch eine Weile nett unterhalten. Es stellt sich heraus, dass sie am Vortag mit dem Rad von Köln nach Roetgen gefahren und heute dann dort auf dem Vennbahnweg eingestiegen sind. Bis Sonntag wollen sie noch weiter nach Trier und von dort mit dem Zug zurück nach Köln. Klingt ebenfalls nach einer netten Tour.

Thema Essen bzw. Kochen:
Ich hatte ja auf dieser Tour erstmalig nicht das große Trangia-Kochset, sondern nur die abgespeckte Variante dabei, welches ich leider noch nicht im praktischen Einsatz hatte, was sich leider als Problem herausstellte. – Das Problem lag aber nicht unbedingt an der Ausstattung an sich, sondern wohl eher an meiner Essenwahl. Ich hatte mir nämlich für die Tour so eine Trockenfertigpackung mit Spätzle und Champingnonsauce ausgesucht, die man einfach nur in 500 ml kaltes Wasser einrühren und erhitzen muss. Das erste Problem war, dass der Topf mit nur 750 ml etwas zu knapp bemessen war. Eigentlich sollte man das Gericht ohnehin in einer Pfanne zubereiten, was ich aber zu spät gesehen habe. Der Topf jedenfalls war mit Wasser und Spätzle zusammen schon so gut wie voll. Als das Ganze dann auch noch anfing zu blubbern, kochte es natürlich sofort über und saute den trangia-Brenner ein. Dann offenbarte sich der zweite Nachteil der Lightweight-Variante. Da das Aufsteckkreuz, auf dem der Topf steht, direkt auf dem Trangia-Brenner steckt, kann man den Regulierring nicht anbringen, um die Brennstärke zu verringern. Man kann also nur mit voller Hitze kochen, was das Überkochen noch verschärft hat. Zunächst habe ich mir durch Interval-Kochen beholfen, d.h. ich habe den Topf immer kurz auf den Brenner gestellt bis es fast überkocht, dann kurz wieder runter, dann wieder drauf usw.  Leider nicht optimal und etwas lästig. Es wäre notfalls gegangen, aber ich war doch sehr froh, als mir das nette Pärchen anbot, dass sie mir einen größeren Topf leihen können, den sie gerade nicht brauchten. Das Angebot habe ich gerne angenommen. – An dieser Stelle nochmal vielen lieben Dank für die großartige Hilfe unter Fahrradcampern. Ihr seid die Besten, Prost! 🙂

Ich werde den kleinen Topf wohl erstmal im heimischen Garten auf taugliche Gerichte prüfen müssen… oder einfach immer einen großen Topf mitnehmen. Tja, selbst Schuld, wenn man die Dinge nicht schon zuhause testet, sondern erstmals auf Tour. – Naja, zur Not hätte ich auch noch Brühwürfel, eine kl. Nudelsuppe und Bifis fürs Abendessen gehabt. Ich wäre also auch nicht verhungert, wenn das Gericht komplett misslungen wäre. Ganz doof bin ich ja auch nicht…

Die anschließende warme Dusche tat gut! Die Augen zugemacht habe ich dann schließlich gegen 23 Uhr.

Samstag, 17. Juni 2017

Die Nacht war nicht ganz so gut. Einerseits ist die erste Nacht im Zelt meistens etwas unruhiger, weil ungewohnt, aber vor allem taten meine beiden Knie doch ziemlich weh. Muskulär hatte ich keinerlei Beschwerden. Da bin ich scheinbar noch fit genug, aber die dauerhaften bzw. zum Teil krassen Steigungen gingen doch sehr auf die Kniee. 🙁

Irgendwann bin ich dann aber doch für etwas länger eingeschlafen und wäre am liebsten noch etwas liegen geblieben, als um 6:15 Uhr der Wecker ging. Aber ich weiß ja, dass ich ohne Hektik ca. 2 Stunden brauche, um aufzustehen, mich frisch zu machen, alles zu packen und auf dem Rad zu verzurren. Da ich diesmal weniger Gepäck dabei hatte, ging es entsprechend etwas schneller. Daher Wecker erst auf 6:15 Uhr statt 6:00 Uhr. 15 Minuten Extraschlaf!

Ich war auf jeden Fall pünktlich um kurz vor 8 Uhr an der Rezeption, um auszuchecken, d.h. den Dusch-Chip abzugeben und die Übernachtung zu bezahlen. Vorher hatte die Rezeption ohnehin nicht auf, wobei mir der freundliche Besitzer(?) am Vorabend sogar angeboten hatte, dass er auch früher da sein könnte, wenn mir 8 Uhr für die Abreise zu spät sei. Da wird Service echt groß geschrieben. Super. – Aber 8 Uhr war für mich ausreichend.

So fuhr ich dann ziemlich genau um 8 Uhr los. Zunächst noch bei der Bäckerei Fonk auf der Hauptstraße vorbei, um 3 belegte Brötchen und ein Teilchen als Tagesverpflegung einzukaufen. Kalte Getränke (Cola in Dosen) hatte ich schon auf dem Campingplatz besorgt.

Kurz noch was zu den Sprachen: Bei der Anreise hatte ich in Troisvierges zwei Passanten gefragt, wie ich am schnellsten zum Campingplatz komme. Ich kannte zwar meine offizielle Route, aber die ging den Berg rauf und ich hatte gehofft, dass es vielleicht einen anderen Weg im Tal gäbe, wo auch der Campingplatz liegt. Die beiden unabhängig voneinander angesprochenen Herren haben meine deutsche Frage zwar nicht so ganz verstanden und auf französisch geantwortet, aber da sie immerhin “Camping” verstanden haben, waren sie doch sehr bemüht, mir mit Händen und Füßen sowie – einer von Ihnen – sogar mit sowas ähnlichem wie Deutsch zu helfen. Die Dame an der Rezeption des Campingplatzes beim Auschecken sprach französich und englisch, der vermutliche Chef auch deutsch. Die beiden freundlichen Damen in der Bäckerei sprachen ebenfalls sehr gut Deutsch (auch untereinander); mit einem sehr charmanten Luxemburgischen Akzent. Ist das schon Luxemburgisch bzw. Lëtzebuergesch wie die Einheimischen sagen; oder vielleicht hochdeutsch mit lëtzebuergeschem Einschlag?

Die Rückfahrt verläuft problemlos. Mein nächtliche Befürchtung, dass die Rückfahrt aufgrund von Knieproblemen evtl. gefährdet sein könnte, hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Zwar waren die Kniee immer noch angeschlagen und beschwerten sich etwas, wenn ich zu feste in die Pedale trat bzw. treten musste, wie z. B. an den 10%-Steigungen, aber zum Glück hatte ich das gut im Griff und kam recht flott vorwärts.

Am Vortag hatte ich ja noch etwas über 11,5 h für die Hinfahrt benötigt, für die Rückfahrt jetzt jedoch nur noch genau 10 Stunden, so dass ich bereits um 18 Uhr wieder zuhause war. Dabei hatte ich mit 1:06 h fast genau die gleichen Pausen-/Standzeiten wie auf der Hinfahrt, aber da es auf der Rückfahrt deutlich mehr bergab ging, schnellte der Gesamtschnitt um gut 2 km/h auf 14.4 km/h rauf; das Fahrtmittel (ohne Pausen) betrug sogar 16,2 km/h. Da machten sich die kilometerlangen Abfahrten, die ich trotz wenig Anstrengung mit z. T. mehr als 30 km/h fahren konnte, als Ausgleich zu den langsamen Aufstiegen positiv bemerkbar.

Auf der Hinfahrt hatte ich eine Abfahrt, bei der ich kurzfristig knapp 50 km/h schnell war, aber auf der Rückfahrt habe ich dann hinter Lenglerlach (9,8 km nach dem Start am Campingplatz) mit mindestens 58 km/h den Geschwindigkeitsrekord dieser Tour aufgestellt. Leider konnte ich das Tempo nicht auskosten oder gar für den nächsten Anstieg nutzen. Stattdessen war eine scharfe Bremsung vor der bald folgenden engen Kurve notwendig. Schade… aber hat trotzdem Spaß gemacht. 😀

Das Höhenprofil der Rückfahrt sieht so aus (die Hinfahrt gespiegelt):

Fazit

288 km in zwei Tagen durch drei Länder mit einem Gesamtanstieg von 2.864 Höhenmetern.
Eine anstrengende, aber schöne Tour.

Dienstag, 06.09.2016:

Wie? Nicht mal ganz 33 km? Schwächelt der jetzt schon?

Nein, natürlich nicht, aber den Grund seht Ihr auf dem folgenden Bild vom direkt an der Weser gelegenen Campingplatz in Drakenburg.

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In der Mitte mein Zelt auf der ansonsten leeren Zeltwiese. Überhaupt scheint dort auf dem Campingplatz – zumindest werktags – nicht so besonders viel los zu sein. Vielleicht liegt’s daran, dass er zu einem Wassersportverein gehört und in dem Sinne kein ganz normaler Campingplatz ist? Aber mich hat die Ruhe nicht gestört; im Gegenteil! Rechts seht Ihr zwischen den Bäumen die Weser; das Weiße gehört zu einem Boot, das dort am Steg festgemacht war. Mein Zelt stand höchstens 5 Meter von der Weser entfernt. 🙂 Der Grund für die wenigen Kilometer ist aber der Wäscheständer dazwischen. Ich hatte gestern immer noch die nassen/klammen Klamotten vom Regentag vorgestern dabei, weil die in Zeven nicht über Nacht im Zelt getrocknet sind, obwohl ich sie mit praktischen Reisefaltbügeln aufgehangen hatte. Außerdem hatte ich auf dem Campingplatz abends noch ein paar Sachen in die Waschmaschine geschmissen. Leider sind die Sachen in der Abendsonne nicht schnell genug getrocknet und dann stieg auch schon bald Nebel auf und machte alles eher wieder feuchter als trockener. Die Außenzelte waren natürlich auch noch sehr nass. Um nun alles mal richtig trocken werden zu lassen, habe ich beschlossen, der Wäsche und dem Zelt so lange die schöne Morgensonne zu gönnen, bis alles trocken ist.

In der Zwischenzeit habe ich dann noch den gestrigen Blogeintrag hochgeladen. Der war zwar abends noch fertig geworden, aber die Internet-Verbindung vom Notebook aus über das Handy hatte irgendwie nicht mehr funktioniert. Morgens ging es dann wieder. Dann habe ich mich noch etwas ausgeruht, ein paar Kekse gefrühstückt (mehr gab der Fundus nicht mehr her) und dann irgendwann mal so langsam alles eingepackt, als die Sachen versprachen, bald trocken zu sein. Losgekommen bin ich daher heute erst gegen 13:30 Uhr.

Vorteil des späten Losfahrens: Alles konnte schön in der Sonne trocknen. Der Nachteil ist aber, dass das Zusammenpacken bei höheren Temperaturen in der Sonne schweißtreibender ist als am frühen, kühlen Morgen. Wenn möglich, bevorzuge ich daher die frühere Abreise. 😉

Dann suchte ich in Nienburg erst mal eine Bäckerei, fand aber als erstes eine Tankstelle. Ich dachte mir, dass ich da wenigstens schon mal kühle Getränke (Cola und ein Radler für später) bekommen würde (war auch so), aber die belegten Minibaguettes sahen auch gut aus, so dass ich auch diese mitnahm und eines davon auf einem schattigen Plätzchen neben der Tankstelle um 14 Uhr verspeiste, als Frühst… äh, Mittagessen. Beim Losfahren sah ich dann, dass direkt dahinter zwei Bäckereien waren, aber da hätte ich vermutlich kein Radler bekommen und außerdem waren die beiden Tankstellen-Baguettes überraschend gut.

Auf dem Weserradweg gibt es immer mal wieder diese – siehe Foto – schönen, recht neuen Rasthäuschen, die bei Sonne – so wie heute – Schatten spenden und auch bei Regen zu einer Rast einladen. Echt super für Radwanderer. Hier habe ich gegen 16 Uhr das zweite Minibaguette und den Rest der Cola vertilgt.

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Durch die Rast war ich eigentlich gut gestärkt für einige weitere Kilometer, aber obwohl ich heute Morgen… äh, Mittag… na gut, Nachmittag… erst spät losgekommen bin, wollte ich dennoch heute mal früher Schluss machen, damit sich der ganze Rhythmus aus Fertigmachen, Losfahren, Zelt aufbauen, Duschen, Essen, und Bloggen sich etwas nach vorne verschiebt, denn es wurde die letzten Abende manchmal doch recht spät, was für einen frühen Aufbruch nicht gerade hilfreich ist.

Daher habe bereits um kurz nach 17 Uhr den Campingplatz in Stolzenau angesteuert, der ebenfalls direkt an der Weser liegt. Der nächste Campingplatz auf meiner Liste wäre in Petershagen gewesen, aber dafür hätte ich noch fast 2 Stunden fahren müssen. 19 Uhr auf dem Campingplatz war mir dann aber zu spät, da es mittlerweile doch recht früh dunkel wird.

Die letzten Tage gab es immer Nudeln mit Würstchen in verschiedenen Variationen, weil ich die Sachen hatte und insbes. die Würstchen sich ja auch nicht ewig halten. Heute jedoch habe ich mir ein paar Kartoffeln gekauft und dazu fertige Bolognese-Sauce. Klingt jetzt ungewöhnlich, ist es wahrscheinlich auch, aber nach 3 Tagen Nudeln wollte ich mal was anderes und lecker war’s auf jeden Fall. Ich koche immer auf meinem schwedischen Trangia-Brennspiritus-Kocher. Das geht wirklich prima. Das folgende Foto zeigt mich beim Kartoffelschneiden, während das Wasser schon mal heiß wird. Damit’s schneller geht, steht die Pfanne als Deckel auf dem Topf drauf. Das silberne ist der Windschutz. – Mein Zelt ist übrigens hinten rechts vor dem Weg, aber ganz knapp nicht mehr zu sehen. Das einzige, was man davon sieht ist ein kleines gelbes Fähnchen von einer der Abspannschnüre, damit niemand drüber stolpert.

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Das Foto hat übrigens eine Norwegerin gemacht, die ebenfalls mit dem Rad unterwegs ist und dort ihr Zelt aufgeschlagen hat. Sie fährt allerdings ein normales Zweirad, dafür mit einrädrigem Anhänger, hat also insgesamt auch drei Räder. Wir haben uns auf Englisch unterhalten und sie erzählte dann, dass sie die ganze Strecke von Norwegen bis hier gefahren ist und weiterfahren möchte bis nach Spanien und Portugal und dann wohl noch nach Italien. Dafür hat sie sich ein Jahr Zeit genommen. Außerdem erzählte sie, dass sie, als ihr Sohn 13 Jahre alt war, ihm versprochen hat, mit ihm ins Disneyland nach Paris zu gehen, wenn – ja wenn(!) – sie dahin mit dem Rad fahren. Und das haben sie dann wohl auch tatsächlich so gemacht; mit täglichen Etappen von ca. 100 km. Tolle Leistung, schon für einen Erwachsenen, aber erst recht für einen 13-Jährigen. Wow.

Bisher ist es mir immer gelungen Strom ins Zelt legen zu können, so dass ich abends problemlos bloggen und alle meine Akkus (Garmin GPS sowie Fahrradlampen vorne und hinten) und das Handy aufladen konnte. Notfalls käme ich aber auch mal eine Nacht ohne Strom aus, weil das Notebook (Surface 3 Pro) ganz gut durchhält, ich einige vollgeladene Ersatzakkus sowie eine 5000 mAh PowerBank (Sanyo Mobile Booster) für das Handy dabei habe. Mein “Arbeitszimmer” zum Bloggen sieht dann allabendlich so aus:

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Ich sitze dabei übrigens auf meiner Isomatte, einer Thermarest Trail Pro in Größe L, auf der ich auch immer sehr gut schlafe. Da ich selbst 1,80 m groß bin, wäre die normale Größe (“regular”) mit einer Länge von 183 cm etwas knapp. Daher habe ich mich für die 196 cm lange und 63 cm breite “Large”-Variante mit 5 cm Dicke entschieden, was ich nicht bereut habe. Der blaue Schlafsack im Hintergrund ist ein Frilufts Leera Comfort; ebenfalls in Größe L, d.h. für Körpergrößen von 175 – 190 cm. Es handelt sich dabei um einen Kunstfasterschlafsack. Daune wäre zwar kleiner und leichter gewesen, aber da ich recht leicht schwitze und Kunstfaser schneller trocknet, habe ich mich gegen Daune entschieden. Zum Schlafen wird das ganze noch abgerundet durch ein praktisches, aber bequemes, aufblasbares Kissen (Sea To Summit Aeros Ultralight Pillow), welches gut in das Kopfteil des Schlafsacks passt und so nachts nicht wegrutscht. Super. Schlafprobleme habe ich im Zelt im Prinzip keine, da es wirklich sehr bequem ist, aber dennoch bin ich nachts schon öfter aufgewacht als im heimischen Bett; allerdings auch immer schnell wieder eingeschlafen.

Und hier noch der obligatorische GPS-Track der heutigen Strecke. Die Farben des Tracks zeigen wieder die relativen Höhen: Blau für tief und je heller das grün, desto höher.

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Last, but not least: Das linke Knie hat sich zwar anfangs wieder gemeldet, aber nicht allzu schlimm, da es über den Tag ja eher besser wird.

Samstag, 03.09.2016:

Startfoto vor der Haustür meiner AirBnB-Unterkunft
Startfoto vor der Haustür meiner AirBnB-Unterkunft.

Heute war nun endlich der erste richtige Tourentag, d. h. es ging endlich los!

Die ersten paar Meter in Flensburg....
Die ersten paar Meter in Flensburg….

Gestern Abend ist es dann leider doch kurz nach Mitternacht geworden, bevor ich endlich ins Bett fiel und sofort einschlief. Der Wecker stand auf 7 Uhr, weil ich um 8 Uhr starten wollte. Ich dachte, dass eine Stunde für Umziehen, Zähneputzen, Sachen packen, runterschleppen und Fahrrad beladen reichen sollte. Letztlich hat es 2 Stunden gedauert und ich bin erst um ziemlich genau 9 Uhr losgefahren. 🙁 Zu meiner Ehrenrettung muss ich aber auch sagen, dass ich es mit dem Packen gar nicht sooo eilig hatte, weil es morgens – auch um 8 Uhr noch – in Strömen regnete, aber zum Glück hörte der Regen dann bald auf. So konnte ich entgegen der Befürchtung die Regensachen sofort wieder einpacken und bin den ganzen Tag nur mit meinem dünnen Langarmschirt gefahren, was völlig ausreichte. Etwas trüb war der Himmel am Anfang aber trotzdem noch.

Damit startete der Tag jedenfalls schon mal denkbar schlecht, denn ich hatte ja eigentlich das – laut Planung – 147 km entfernte Hodorf (süd-westlich von Itzehoe; am Fluss Stör gelegen) als Ziel und wollte bis 18 Uhr da sein, damit ich noch genug Zeit habe, um im Hellen mein Zelt auf dem Campingplatz aufzubauen und mein Essen auf dem Trangia zu kochen. Der Trangia ist ein legendärer, schwedischer Brennspitituskocher, der durch seine Technik und den Windschutz selbst bei Sturm noch funktionieren soll und vor allem als sehr kompaktes Komplettset inkl. zweier Töpfe und einer Pfanne daherkommt. Das ganze Kochsystem hat nur 22 cm Durchmesser und 10 cm Höhe, da alle Teile wunderbar ineinander passen; inkl. des optionalen Wasserkessels und dem Schneidebrett. Daher ist es optimal zur Selbstversorgung auf solchen Reisen.

Es ging also in Flensburg los. Das erste Etappenziel hieß Schleswig; ebenfalls direkt an der Ostsee gelegen. Wie geplant, bin ich ohne Frühstück gestartet, wollte mir aber nach ca. einer Stunde Fahrt ein belegtes Brötchen beim Bäcker holen. Noch in Flensburg kam ich zwar an einer Bäckerei vorbei, aber die ließ ich links – d.h. eigentlich rechts 😉 – liegen, denn der Plan war ja, mir nach einer Stunde in einem der nächsten Orte was zu holen. Tja, dumm nur, dass danach seeehr lang keine Orte oder nur kleine Käffer ohne Bäckerei kamen. 🙁 Ich habe sogar in einem Dorf einen Anwohner gefragt, ob es hier eine Bäckerei gäbe bzw. wo die nächste Bäckerei in Richtung Schleswig sei. Dazu fiel im nichts Konkretes ein und er meinte nur, dass ich da aber noch eine ganze Weile fahren müsste. Aber in Richtung Flensburg wisse er was. Danke, aber da komme ich gerade her und fahre bestimmt nicht nochmal zurück. Es blieb mir also nicht anderes übrig, ein paar Kilometer später an meine Notration (Bifi & Bifi Roll) zu gehen, die mir über den ersten kleinen Hunger halfen. Kurze Zeit danach kam überraschend eine Tankstelle mit Shop. Ich war zwar nicht drin, aber ich vermute, dass ich da was bekommen hätte. *grummel*

Nun ja, Bäckereien oder sonstige Läden für Verpflegung habe ich auf meiner Route tatsächlich dann erst wieder in Schleswig gefunden. Apropos “meine Route”. Ich hatte mir anhand der OpenStreetmap-basierten Radkarten (“OpenCyleMap” und “Sigma Cycle”) auf GPSies.com eine Route von Flensburg nach Hodorf (sowie natürlich die ganze Strecke nach Oberstdorf) geplant. Da mir allerdings von Anfang an eine Stunde fehlte, bin ich nur anfangs meiner Route gefolgt. Der Plan war eigentlich, mich von der Bundesstraße fernzuhalten und auf schöneren Radwegen rechts und links mehr oder weniger parallel der Bundesstraße zu fahren. Ich habe jedoch schnell festgestellt, dass a) die geplante Route einiges länger ist und außerdem die Wege nicht alle sooo wahnsinnig gut zu fahren sind. Daher habe ich mich ab da primär an den Wegweiser für Radfahrer in Richtung Schleswig gehalten. Das hat so einigermaßen funktioniert, aber manchmal fehlte die Beschilderung, so dass ich mich dann sicherheitshalber auf dem Garmin orientiert habe. Für Umwege durch Verfahren hatte ich weder Zeit noch Lust.

Mein Gemütszustand auf dem Weg nach Schleswig war nicht so toll, obwohl ich doch eigentlich hätte froh sein sollen, dass es endlich losgeht. Irgendwie lief bis dahin halt jede Menge schief. Ich habe morgens zu lange gebraucht und bin schon mit Verzögerung gestartet, dann habe ich kein Frühstück bekommen (Hunger ist immer schlecht für die Stimmung) und musste schon am ersten Morgen an die Notverpflegung (eigentlich nicht schlimm, weil man die ja nachkaufen kann, aber trotzdem gefiel mir das nicht). Die Strecke von Flensburg nach Schleswig war auch noch sehr hügelig. Zwar befand sich alles zwischen 0 und 50 Höhenmeter, aber wenn man die dauernd rauf und runter muss, ist das ganz schön kräftezehrend, aber vor allem geht es stark zu Lasten der Geschwindigkeit, weil man bergab gar nicht so viel aufholen kann, wie man bergauf verliert. Um das auszugleichen, bin ich dann ja auch noch von meiner liebevoll geplanten Route abgewichen und habe mich quasi auf unbekanntes Gelände begeben, so dass ich öfter mal stehen bleiben und mich neu orientieren musste, was zusätzlich Zeit kostete; aber sicher weniger als die geplante, längere Route. Ich habe dann mal die Durchschnittsgeschwindigkeit auf die geplante Strecke von 147 km hochgerechnet und heraus kam, dass ich es heute wohl kaum bis zum geplanten Ziel Hodorf schaffen würde. 🙁 Das wäre ja nicht sooo schlimm, wenn es auf dem Weg dorthin ausreichend andere Unterkünfte gegeben hätte, aber – zumindest in den Karten, die ich zum Recherchieren benutzt habe, gibt es im hinteren Teil (z. B. bei um die 100 km) keine Campingplätze und keine Jugendherberge… und in ein teueres Hotel wollte ich nicht. Im Notfall also vielleicht wild zelten? Hmm, die erste Zeltübernachtung auf der Tour sollte nicht gerade wild und bei für die Nacht angekündigtem Regen sein. Da wollte ich mich erst mal langsam rantasten und zunächst auf einen Campingplatz vertrauen. Ergo: Irgendwie alles doof! 😉

Aber lustige Dinge gibt es am Wegrand zu sehen. Es kennt ja sicher jeder Wetterhähne auf Kirchtürmen, aber Wetterkühe auf Scheunen kannte ich bisher nicht. Finde ich aber super! 🙂

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Wetterkuh

Oder die folgenden Heu(?)-Ballen in rosa Verpackung. Eigentlich kenne ich sowas nur in weiß oder dunkelgrün, aber rosa…!? Also entweder gehört der Hof einer Bäuerin oder der Bauer ist vom anderen Ufer… 😉

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Nach 3 Stunden und (aufgrund der Abkürzung über die Radwege von dickeren Straßen) nur 39 km – geplant waren mal 50 km – kam ich dann jedoch endlich in Schleswig an, fand sofort eine Bäckerei und deckte mich mit einem süßen Teilchen und einem Frikadellenbrötchen sowie einer kalten Cola ein. Mittlerweile war auch die Sonne rausgekommen und ich habe einen wunderschönen Platz auf einer Bank direkt am Schloss Schleswig mit Blick auf den Weiher und allerlei interessanter, zeitgenössischer, lebensgroßer Menschenskulpturen gefunden, wo ich mich über das Teilchen und die Cola hermachte, da mein Körper schon eine ganze Weile nach schneller Energie in Form von Zucker rief. Das Frikadellenbrötchen habe ich mir für später aufgehoben.

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Skulptur im Garten des Schloß Schleswig

Als ich da so saß und aß, kam ein Pärchen (vielleicht so um die 50 Jahre) an und der Mann begutachtete intensiv mein Rad. Zunächst sagte er nichts, aber dann meinte er: “Aha, ein Wild One. Habe ich erst gar nicht erkannt, bei all dem Gepäck.” Er war also offensichtlich ein Kenner, denn welcher “normale” Mensch kennt schon Liegedreirad-Marken bzw. -Modellbezeichnungen? Es stellte sich raus, dass er auch ein Liege-Trike hat. Seines ist allerdings von einer englischen Firma und ein mit nur 63(?) cm sehr schmales – wie er sagte – Renn-Trike. Mein Trike ist 80 cm breit und liegt sehr stabil in der Kurze. Bei nur 63 cm ist das ganze deutlich kippeliger, so dass er sich in Kurven sehr stark in die Kurve legen muss, um nicht umzukippen. Mag ja für ihn geeignet sein, aber für längere Touren mit Gepäck wäre das nichts. Das ist dann ein reines Sport-Trike; aber man nimmt ja auch kein Rennrad, wenn man mit Gepäck unterwegs ist.

Nachdem ich mich also gestärkt, die Sonne und die schöne Gegend genossen hatte, machte ich mich auf die zweite Etappe des Tages von Schleswig nach Rendsburg, wo es dann unter dem Nord-Ostsee-Kanal durchgehen sollte.

In Schleswig gab es dann vor dem Gericht noch eine Figur mit demütig gesenktem Kopf. Wie passend!

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Nach dem Verlassen von Schleswig zeigte ein Blick zurück das folgende schöne Panorama:

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p1000207Dieser zweite Streckenteil hat meine Laune erheblich verbessert! Das Wetter war weiterhin schön sonnig, ich war satt und hatte daher neue Kräfte gewonnen und die Strecke selbst wurde auch wesentlich besser. Es ging nämlich deutlich weniger auf und ab, sondern viel mehr in der Ebene oder teilweise sogar mit leichtem Gefälle. Herrlich! Hier konnte ich endlich wieder Tempo machen, was die Durchschnittsgeschwindigkeit steigerte, so dass das Ziel Hodorf vielleicht doch wieder in Reichweite rückte? Als ich dann auch noch den Fluß “Sorge” überquerte und somit – Achtung, schlimmes Wortspiel – die Sorge(n) hinter mir lassen konnte, ging es mir endgültig gut. Meine Laune war super und ich freute mich unterwegs zu sein. Was kann es besseres geben? – Puh, was für ein Kontrast zu meinen Gedanken von heute Vormittag! – Eine unglaubliche Erfahrung… und das schon am ersten Tag. Wow!

Nach ca. 2,5 Stunden und insgesamt (von Flensburg aus) knapp 73 km kam ich dann um 15 Uhr in Rendsburg an. Ich fand eine Tankstelle und holte mir zwei Dosen gekühltes Radler, welche zunächst in meiner kleinen Kühltasche verstaut wurden. Eines ist für heute Abend gedacht und eines für die nächste Pause, denn mittlerweile meldete sich der Hunger wieder. Ich fand eine schöne Bank mit Blick aufs Wasser – genauer die “Untereider” – gönnte mir das Frikadellenbrötchen und ein Radler. Die Eider ist ein Fluß, der neben dem Nord-Ostsee-Kanal durch Rendsburg fließt, wobei die Untereider ein Seitenarm der Eider zu sein scheint.

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Untereider-Panorama in Rendsburg

Spannender ist hier jedoch, wie man über den Nord-Ostsee-Kanal kommt, denn es gibt in Rendsburg nur zwei sehr hohe Brücken, damit die großen Schiffe drunter durchpassen. Die eine ist für die Autobahn und die andere für die Bahn. Für Fußgänger und Radfahrer haben sich die Rendsburger aber was ganz Tolles einfallen lassen! Es gibt einen Tunnel unter dem Nord-Ostsee-Kanal durch, der nur für Fußgänger und Radfahrer gedacht und geeignet ist. Man gelangt mit einem Aufzug nach unten in den Tunnel, fährt dann unterdisch ein kurzes Stück mit dem Rad und fährt auf der anderen Seite mit einem anderen Aufzug wieder hoch. Das ganze ist auch noch kostenlos! Echt klasse. 🙂

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Meine Laune war zunächst gut, als ich zur dritten Teiletappe aufbrach, von Rendsburg nach Hohenwestedt, verschlechterte sich aber sehr bald wieder aus diversen Gründen. Erstens gab es ein mehrere Kilometer langes Teilstück, welches sogar als offizieller Radweg ausgeschildert war, das für mich als Trike-Fahrer aber extrem unangenehm zu fahren war, denn es gab nur rechts und links jeweils eine gepflasterte Spur und in der Mitte einen breiten, lockeren Grünstreifen mit recht hohem Gras, so dass immer mindestens ein Reifen auf Erde/Gras fahren musste, was extrem stark gebremst hat. Das kostete wieder ordentlich Kraft, und fürs schnelle Vorankommen war das natürlich auch Gift.

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Damit aber nicht genug. Als die Fahrbahnbeschaffenheit endlich besser wurde, ging es wieder dauernd leicht rauf und wieder runter und wieder rauf und wieder runter. Und dann haben sie mich auch noch veralbert. Es kam ein Schild, das besagte Hohenwestedt sei nur noch 11 km entfernt und wenige Hundert Meter weiter stand plötzlich ein Schild, das besagt, es seien noch 16 km. What the f*ck? Zum dem Zeitpunkt verstand ich bzgl. Entfernungen zu meinem nächsten Ziel echt keinen Spaß mehr! An der nächsten Kreuzung kam dann aber die Auflösung. Es gibt zwei ausgeschilderte Routen nach Hohenwestedt: eine 16 km lange über Nindorf und eine 11 km lange über Brinjahe. Es dürfte nicht schwer sein zu erraten, welche der beiden Routen ich genommen habe. 😉 Zu guter Letzt verdunkelte sich auch noch der Himmel vor mir, so dass ich schon damit gerechnet hatte, dass ich heute doch noch die Regensachen anziehen muss. In diesem Punkt hatte ich allerdings Glück, denn die Wolken, die mit Sicherheit auch Regen gebracht haben, zogen südlich vor mir vorbei und von Westen wurde es wieder heller. Die letzten Steigungen (Hohenwestedt, da ist der Name Programm) haben mir den Rest gegeben und so habe ich inständig gehofft, dass es dort – im Gegensatz zu den meisten Orten bzw. Örtchen nach Rendsburg doch bitte bitte ein Geschäft oder wenigstens eine Tankstelle geben möge. Um 18 Uhr – gut 2,5 Stunden nach dem Aufbruch in Rendsburg – erreichte ich Hohenwestedt, sah eine Tankstelle und stürmt hinein, um mich mit Schokolade, Plätzchen und einer weiteren Cola einzudecken, welche ich sofort draußen vor der Tankstelle in mich hineinstopfte, um meinen tiefentladenen Energiespeicher wieder aufzufüllen. 18 Uhr war der Zeitpunkt, zu dem ich eigentlich schon auf dem Campingplatz in Hodorf sein wollte, was aber nach meiner Hochrechnung noch ca. zwei Stunden entfernt lag. Ankunft um 20 Uhr war etwas spät, um dann noch in die Dämmerung hinein das Zelt aufzubauen und zu kochen; außerdem war ja Regen für die Nacht und den Morgen angekündigt. Daher rief ich erst mal beim Campingplatz an, weil ich in Erinnerung hatte, dass sie – außer Platz für Wohnwagen und Zelt – auch Zimmer und einen Wohnwagen vermieten. Alles OK, ein Zimmer und der Wohnwagen sind noch frei. Also, sagte ich zu und kündigte meine Ankunft für ca. 20 Uhr an. Im Aldi kaufte ich noch schnell eine Packung Würstchen fürs Abendessen, da ich vor hatte, mir abends eine Packung Nissin-Nudeln, welche ich noch bei den mitgebrachten Vorräten hatte, aufzukochen und dann die Würstchen reinzuschnippeln.

So beginnt dann das vierte und letzte Teilstück der heutigen Tagesetappe von Hohenwestedt über Itzehoe nach Hodorf. Und zum zweiten Mal bessert sich meine Laune deutlich, weil ich keinen Heißhunger mehr habe, weil die Strecke wieder besser ist (deutlich mehr bergab als bergauf) und – entgegen meinen bisherigen Befürchtungen – es nun scheinbar doch noch möglich sein wird, mein ursprünglich geplantes Ziel zu erreichen. Das hatte ich bis Hohenwestedt eigentlich zu keinem Zeitpunkt mehr für möglich gehalten, aber es hat doch geklappt. 🙂

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Fährhaus Hodorf

Ankommen bin ich dann am Fährhaus Hodorf um 20:20 Uhr nach insgesanmt 132,0 km. Für die Übernachtung habe ich mich dann für den Wohnwagen entschieden, weil ich noch nie in einem Wohnwagen übernachtet habe und ich das Fahrrad direkt vor dem Wohnwagen unter dem Vorzelt abstellen kann. Außerdem habe ich den noch etwas günstiger bekommen, weil ich meinen eigenen Schlafsack verwende und so keine Bettwäsche brauche.

Dass ich hier duschen, meine Trinkbeutel mit Leitungswasser auffüllen, mein Abendessen mit dem Trangia kochen und sogar meine Wäsche waschen konnte, rundet das ganze noch ab.

Fazit: Es war ein ereignisreicher, anstrengender, aber letztlich schöner und erfolgreicher Tag. Ich habe viel gelernt; vor allem, dass ich alle 2 (höchstens 3) Stunden eine Essenspause machen muss, denn sonst rächt sich der Körper mit schlechten Leistungen und – eigentlich schlimmer noch – schlechter Laune. Und wer will schon einen Körper mit schlechter Laune haben? 😉

Und hier noch er GPS-Track der heutigen Strecke. Die Farben des Tracks zeigen wieder die relativen Höhen: Blau für tief und je heller das grün, desto höher.

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Und das Höhenprofil, welches sehr gut beweist, dass es wirklich dauert leicht rauf, leicht runter ging:

2016-09-03_hoehenprofil

PS: Mittlerweile regnet es. Mal sehen, was der morgige Tag bringt. Die Wetterprognose ist jedenfalls sehr durchwachsen… die Regensachen werden also ziemlich sicher zum Einsatz kommen.